„Pflegewissenschaft braucht Praxis – und den Mut, Dinge neu zu denken.“

Interview mit Jürgen Drebes, Pflegewissenschaftler bei der Linimed Gruppe

Pflegewissenschaft braucht Praxis – Praxis braucht Pflegewissenschaften. Dieser Grundsatz prägt die tägliche Arbeit bei der Linimed Gruppe. Als Pflegewissenschaftler im Unternehmen beschäftigt sich Jürgen Drebes damit, wie komplexe Versorgungsstrukturen fachlich kontinuierlich weiterentwickelt und noch gezielter gestaltet werden können. Sein Fokus liegt darauf, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis zu übertragen und dadurch die Qualität der Versorgung nachhaltig zu stärken.

Wie bist Du zur Linimed Gruppe gekommen – und was hat Dich an der Position „Pflegewissenschaftler“ gereizt?

Der Einstieg bei der Linimed Gruppe war für mich tatsächlich eine Überraschung. Pflegewissenschaftliche Stellen in der außerklinischen Intensivpflege sind nach wie vor selten. Umso spannender war es, ein Unternehmen kennenzulernen, das diesen Schritt ganz bewusst geht.

Mich hat vor allem überzeugt, dass Pflege hier nicht nur organisiert, sondern fachlich weiterentwickelt wird. Gerade in einem stark regulierten und wirtschaftlich anspruchsvollen Bereich wie die Pflege ist das ein klares Zeichen dafür, dass Qualität und Professionalität ernst genommen werden.

Was ist Deine Aufgabe als Pflegewissenschaftler bei Linimed?

Meine Rolle ist bewusst offen angelegt. Der Auftrag besteht darin, pflegewissenschaftliche Perspektiven in die Versorgung einzubringen – immer mit dem Blick auf die Praxis. Das kann über Projekte, Prozessanalysen oder fachliche Konzepte geschehen.

Ein zentrales Projekt meiner aktuellen Arbeit ist das Case Management. Darüber hinaus geht es aber grundsätzlich darum, pflegewissenschaftliche Erkenntnisse dort nutzbar zu machen, wo Versorgung gestaltet und weiterentwickelt wird.

Was bedeutet Case Management in der außerklinischen Intensivpflege konkret?

In der außerklinischen Intensivpflege sind viele Akteure beteiligt: Kliniken, Pflege, Therapeut:innen, Angehörige, Kostenträger und weitere Beteiligte. Case Management bedeutet, diese komplexen Prozesse koordiniert und nachvollziehbar zu gestalten.

Dazu habe ich mir zunächst die bestehenden Abläufe angeschaut: Wo entstehen Reibungsverluste? Wo fehlen klare Zuständigkeiten? Auf dieser Grundlage orientieren wir uns an anerkannten Modellen des Case Managements und übersetzen sie Schritt für Schritt in die Versorgungsrealität bei der Linimed Gruppe.

Gibt es bereits spürbare Veränderungen?

Ja – erste Entwicklungen sind deutlich erkennbar. Fachliche Perspektiven werden heute noch stärker in zentrale Entscheidungsprozesse eingebunden, wodurch Versorgungsentscheidungen differenzierter und strukturierter getroffen werden können.

Auch Übergänge zwischen verschiedenen Versorgungsbereichen werden klarer gestaltet, um Pflegefachkräfte bestmöglich zu unterstützen und Informationsverluste zu vermeiden. Solche Veränderungen entstehen nicht über Nacht – sie sind jedoch ein wichtiger Schritt, um Versorgungssicherheit und Qualität langfristig zu stärken.

Welche Rolle spielt Pflegewissenschaft dabei im Alltag für Dich?

Pflegewissenschaft ist für mich kein theoretisches Konstrukt. Sie hilft, Erfahrungen zu reflektieren, Entscheidungen zu begründen und Prozesse nachvollziehbar zu gestalten. Viele Dinge werden im Pflegealltag intuitiv richtig gemacht – Pflegewissenschaft gibt diesen Handlungen eine fachliche Sprache.

Gerade in hochkomplexen Versorgungssettings hilft sie dabei, Versorgung nicht nur zu organisieren, sondern bewusst zu gestalten und weiterzuentwickeln.

Warum ist Pflegewissenschaft gerade in der außerklinischen Intensivpflege so relevant?

In der außerklinischen Intensivpflege werden klinische Versorgungsanforderungen in den ambulanten Raum verlagert. Viele Konzepte stammen ursprünglich aus dem Krankenhaus und lassen sich nicht eins zu eins übertragen.

Pflegewissenschaft hilft dabei, diese Versorgung realistisch weiterzudenken – insbesondere bei Patient:innengruppen mit sehr komplexen Bedarfen, etwa Menschen mit schweren neurologischen Schädigungen. Ziel ist es, ihre Bedürfnisse besser sichtbar zu machen und Versorgung fachlich fundiert weiterzuentwickeln.

Mit welchen Fachbereichen der Linimed Gruppe arbeitest Du besonders eng zusammen – und warum sind diese Schnittstellen so wichtig?

Pflegewissenschaft kann nur dann wirksam sein, wenn sie gut vernetzt ist. Ich arbeite eng mit dem Pflegemanagement, dem Qualitätsmanagement und den fachlichen

Regionalleitungen zusammen. Diese Bereiche sind entscheidend, um fachliche Erkenntnisse in konkrete Versorgungsprozesse zu überführen.

Eine zentrale Schnittstelle ist außerdem die Geschäftsführung. Pflegewissenschaftliche Impulse müssen strategisch eingeordnet und strukturell ermöglicht werden, damit sie Wirkung entfalten können.

Sehr wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit unserem internen Fort- und Weiterbildungsanbieter, der Linimed Akademie. Erkenntnisse aus Projekten oder Analysen müssen in Schulungs- und Weiterbildungskonzepte übersetzt werden, um nachhaltig im Alltag anzukommen. Ergänzend gibt es Schnittstellen zu Digitalisierung und Dokumentation, etwa wenn Prozesse besser abgebildet oder Informationen gebündelt werden sollen.

Was ist Dein persönlicher Wunsch für die Zukunft der außerklinischen Intensivpflege?

Ich wünsche mir eine außerklinische Intensivpflege, in der Pflege als eigenständige, fachlich begründete Profession wahrgenommen wird – nicht nur ausführend, sondern gestaltend. Pflege sollte frühzeitig in Entscheidungsprozesse eingebunden sein und ihre Expertise aktiv einbringen können.

Dazu braucht es klare Rollen, mehr Spezialisierung und eine stärkere wissenschaftliche Fundierung, etwa durch neue Rollen wie Advanced Practice Nursing. Gleichzeitig sollte der Blick immer auf den Menschen gerichtet bleiben. Gute außerklinische Intensivpflege bedeutet nicht nur technische Sicherheit, sondern auch Kontinuität, Würde und Teilhabe.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch mit Jürgen Drebes macht deutlich, welche Rolle Pflegewissenschaft bei der Linimed Gruppe einnimmt: als fachlich fundierter, praxisnaher Ansatz, der Versorgungsprozesse weiterentwickelt, interdisziplinäre Zusammenarbeit stärkt und zu einer sicheren, professionellen sowie menschenzentrierten Pflege beiträgt.